Die Technik-Baustelle: Ladezeiten und veraltetes Character-Design
Leider muss ich das nächste Problem ansprechen: Technisch ist Horizon nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die Ladezeiten sind verdammt frustrierend geworden. Man findet sie überall. Ins Menü? 5 Sekunden warten. Auto wechseln? Dauert 20 Sekunden. An einer Auto-Auktion teilnehmen? Bringt genug Zeit mit! Ein Rennen starten? Vom ersten Klick bis zum ersten Ertönen der Reifen auf dem Asphalt vergehen mindestens 2 Minuten. Außerhalb des Open-World-Fahren lädt das Spiel bei jeder kleinen Gelegenheit, sodass nichts flüssig von der Hand. Sogar das Quick Resume auf der Xbox Series X braucht lange, denn das wird auch nach Starten des Spiels erst „geladen“. Das Problem: Diese Zeiten sind länger als noch bei andernen Horizon-Teilen, und sie unterbrechen euren Flow konstant.

Besonders das von betroffen: Der neue Fotomodus mit 600+ Fahrzeugen. Das Konzept ist gut und wie eh und je – fahrt durch die Welt, fotografiert nebenbei schnell ein paar neue Autos und fahrt weiter. Aber in der Realität sieht das anders aus. Rechnet mit 30+ Sekunden Wartezeit pro Foto (Menü öffnen, Foto machen, Foto wird verarbeitet, Menü schließen). Bei 600 Fahrzeugen kann man da schnell die Lust verlieren. Auch voll mit Ladezeiten: Die neuen, personalisierbaren Immobilien: Jedes Mal, wenn ihr fahrt, müssen eure Custom-Builds (Rampen und Gegenstände, die ihr in und um die gekauften Immobilien erstellen könnt) geladen werden. Ihr sitzt da und wartet, während euer Auto gemütlich auf das Grundstück rollt. Das ist nicht immersiv, das ist Zeit-Verschwendung.
Dazu kommt ein weiteres technisches Problem, das nicht so dramatisch ist wie die Ladezeiten, aber trotzdem auffällt: Die Charakter-Modelle wirken hoffnungslos veraltet. Ihre Bewegungen sind steif, ihre Präsenz wirkt leblos. Während euer Auto mit unfassbarer Liebe zum Detail modelliert wurde – glänzende Lacke, realistische Reifen, beeindruckende Innenräume – wirken die Menschen wie Plastik-Marionetten und der Editor bietet nur wenig Personalisierungsmöglichkeiten. Das ist nicht furchtbar dramatisch, aber es ist ein merkwürdiger Kontrast zur restlichen grafischen Pracht.
Jetzt könnte man sagen: „Aber in einem Rennspiel braucht man keine guten Charakter-Modelle!“ Stimmt. Aber wenn sie da sind und euch konstant anschauen, dann merkt man, dass sie nicht up-to-date sind. Das zerstört das Spiel nicht, aber es fühlt sich einfach... billig an.
Die leere Landschaft, oder: Der Spagat, das nicht aufgeht
Und dann ist da noch Japan selbst. Visuell wunderschön, ja – schneebedeckte Berge, tropische Strände, modernes Tokyo und sehr realistisch und detailgetreue Nachbauten von ikonischen Gebäuden. Mit 60fps und allen Effekten sehr beeindruckend. Die Radio-Sender mit lokalen Künstlern (yay – J-Pop!) sind auch ein schöner Touch.
Aber – und das ist ein großes „aber“ – die Welt wirkt merkwürdig leer. Viele Gebiete sind eintönige braune Hügel und dunkelgrüne Wälder, austauschbar und charakterlos.
Jetzt muss ich ehrlich sein: Das ist ein schwieriger Spagat. Forza will, dass ihr mit 250 km/h durch die Gegend rast. Da kann die Welt nicht gleichzeitig voller Menschen sein, lebendig wirken. Ihr könnt nicht realistischerweise hunderte Fußgänger in einer offenen Welt haben, durch die ihr mit Höchstgeschwindigkeit düst, ohne ständig Menschen zu überfahren. Das wäre kein Forza mehr, sondern eher ein GTA, mit ganz andereen Problemen…
Also haben die Entwickler sich für die sichere Option entschieden: Wenige Menschen, viel Natur. Das ist technisch natürlich sinnvoll. Aber es macht die Welt auch trostlos. Japan ist für seine Menschen, seine Kultur, sein Leben bekannt. Und hier erfahrt ihr von nichts davon. Ihr rast durch ein leeres Fotobuch. (Selbst Shibuya Crossing, die weltbekannte Straßenkreuzung, ist komplett leer und ein paar Menschen stehen lediglich am Straßenrand)
Das ist nicht Playgrounds Fehler – das ist ein inhärentes Problem des Designs. Aber es bedeutet trotzdem, dass Japan sich irgendwie falsch anfühlt als Setting für ein Spiel, in dem ihr die ganze Zeit zerstörerisch schnell fahrt.
Trotzdem: Ein verdammt gutes Rennspiel, besonders mit Freunden
Jetzt könnte ich hier abschließen und es klingt wie totales Bashing. Das ist aber nicht fair, denn ehrlich gesagt: Forza Horizon 6 ist immer noch eines der besten Arcade-Rennspiele auf dem Markt. Das Fahrgefühl ist ausgezeichnet, die grafische Pracht ist unbestritten, und es gibt hunderte Stunden an Inhalten zum Entdecken.
Ihr werdet stundenlang Rennen fahren, Autos sammeln, verschollene Autos in Garagen suchen, Blitzer auslösen, sammeln und tunen. Für Menschen, die Forza Horizon generell mögen, ist Teil 6 garantiert auch gut. Die fundamentale Qualität ist nicht gesunken – die ist konstant hoch geblieben.

Und das Beste? Das Multiplayer-Erlebnis! Hier zeigt Forza Horizon 6 wirklich seine Stärken. Ihr könnt mit anderen Spielern kooperativ fahren, zusammen Events absolvieren, oder euch einfach in der offenen Welt treffen und spontane Straßenrennen fahren. Das ist ganz schön fesselnd! Das Cross-Play funktioniert reibungslos, die Netcode-Stabilität ist großartig, und es gibt wenig, das vergnüglicher ist, als mit Freunden durch japanische Bergpässe zu düsen, während andere Spieler um euch herumsausen. Dazu kommen organisierten Multiplayer-Events: Größere Rennen, Kooperative Missionen, Ranglisten-Rennen. Der Sozial-Aspekt ist ein starker Punkt des Spiels. Solo spielen ist okay, aber mit einer Gruppe Freunden wird es zu einer gemeinsamen Erfahrung, die Spaß macht. (Allerdings leider wieder nur online, Couch-Co-Op sucht man vergeblich.)
Das Problem insgesamt bleibt aber: Es fühlt sich nicht wie ein großer Schritt nach vorne an. Es fühlt sich an wie mehr vom Gleichen. Und bei einem Setting wie Japan hätte man mehr erwarten dürfen.
Fazit
Forza Horizon 6 ist ein gutes Spiel, das technisch beeindruckt (bei den Autos zumindest!), spielerisch zuverlässig liefert, und besonders mit Freunden großartig funktioniert. Die Freiheit und Anpassbarkeit sind unvergleichlich – kein anderes Rennspiel kommt hier heran. Aber es ist auch ein Spiel, welches das Potenzial von Japan verschenkt, indem es die kulturelle Identität und das Leben des Landes ignoriert und stattdessen eine generische „Fahre schnell durch schöne Landschaften“-Erfahrung bietet. Die Ladezeiten sind dabei ein Ärgernis, der das Abenteuer fragmentiert, und die Technik fühlt sich stellenweise veraltet an.
Wer einfach nur mehr Horizon-Content möchte, bereit ist mit Ladezeiten zu leben, und Freunde hat zum Mitfahren, wird hier einen Heidenspaß haben. Aber wer gehofft hat, dass Playground endlich mal zu neuen Horizonten aufbricht, der könnte enttäuscht werden. Das Spiel ist immer noch großes Kino. Nur eben in einer Serie, die langsam ihre eigenen Grenzen erkennt. Mit den richtigen Leuten am Start wird es trotzdem zu einem verdammt unterhaltsamen Abenteuer. Man muss nur wissen, worauf man sich einlässt.
Bewertung
Pro
- Unvergleichliche Freiheit und Open-World-Design
- Gutes Fahrgefühl mit extremer Anpassbarkeit
- Massive Menge an Fahrzeugen (600+) und Inhalten
- Wunderschöne Landschaften
- Abwechslungsreiche Renn-Events
Contra
- Ladezeiten überall fragmentieren den Spielfluss
- Japanische Kultur kommt im Gameplay kaum vor
- Welt wirkt merkwürdig leer und seelenlos
- Eigentlich überhaupt keine Innovation, keine Neuerungen
- Keine wirkliche Story und veraltete Charakter-Modelle
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